Die Liebe war schon immer das wichtigste Sujet in Liedtexten. Bereits der Tannhäuser und Neidhart buhlten in ihren Minneliedern um die Gunst unerreichbarer Frauen. Neueren Datums ist die Thematisierung des Kusses, über den man zu früheren Zeiten nicht immer so freizügig hat reden können. Gottlob ist man heute etwas ungezwungener. Inzwischen gibt es sogar den Tag des Kusses, der auf der ganzen Welt am 6. Juli begangen wird. Ganze CD-Regale könnte man mit Liedern füllen, die vom Küssen handeln. Man denke etwa an Ohrwürmer wie Cliff Richards Rote Lippen soll man küssen (1963). Übrigens liefert der als erster zum Ritter geschlagene britische Popsänger auch gleich die Begründung dafür, warum man rote Lippen unbedingt küssen müsse: "denn zum Küssen sind sie da". Nun ja, wem diese Begründung zu tautologisch anmutet, kann sich dem Küssen ja einfach verweigern, so wie die Leipziger A-Capella-Gruppe Die Prinzen in ihrem Hit Küssen verboten aus dem Jahr 1992: "Keiner, der mich je gesehn hat, hätte das geglaubt: Küssen ist bei mir nicht erlaubt!" Und kennen Sie den ökonomisch erfolgreichsten Hit in der Geschichte des Grand Prix Eurovision de la Chanson? Es ist nicht, wie viele glauben, ABBAs Waterloo, sondern das One-Hit-Wonder Save your kisses for me (1976) der britischen Gruppe Brotherhood of Men, das weltweit 6,5 Millionen Mal verkauft wurde. Auch ein Kuss-Lied also, ebenso wie der geniale Minimal-Popsong Kiss (1986) von Prince. Also irgendetwas muss es mit dem Küssen ja schon auf sich haben, dass die ganze Welt darüber singt und den Tag des Kusses begeht. Natürlich ist das Küssen längst auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden. Doch um einen Kuss zu genießen und Liebe zu spüren, benötigt man die Ergebnisse von Biologie und Verhaltensforschung nicht. Der Kenner genießt und schweigt. |